SPD - Vertrauen in Deutschland | Thomas Oppermann, MdB

Rede | Gedenkstunde „80 Jahre Pogromnacht“ am 9. November 2018 am Platz der Synagoge in Göttingen

— Es gilt das gesprochene Wort — 

Der 9.11. in der deutschen Geschichte

Wir erinnern heute an die Pogromnacht vor 80 Jahren.

Der 9. November hat wie kein anderer Tag die Geschichte unseres Landes geprägt.

Vor 100 Jahren rief der Sozialdemokrat und Reichstags-Vizepräsident Philipp Scheidemann die Weimarer Republik aus.

Die Revolution vom 9. November 1918 führte zum Ende des wilhelminischen Kaiserreichs und des 1. Weltkriegs.

Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt und an die Stelle der Monarchie trat 1919 eine demokratische Verfassung.

Daran haben wir heute Vormittag bei einer Gedenkstunde im Bundestag erinnert.

Es war ebenfalls ein 9. November, an dem vor 29 Jahren die Berliner Mauer fiel. In einer friedlichen Revolution erkämpften sich die Menschen in der DDR Freiheit und Demokratie und machten den Weg zur Deutschen Einheit frei.

Es war aber auch ein 9. November, heute vor genau 80 Jahren, an dem sich ein besonders schreckliches Kapitel der deutschen Geschichte ereignete

Am 9. November 1938 heizten die national-sozialistischen Machthaber und die gleichgeschaltete Presse ein Pogrom gegen Juden an.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten SA, SS und NSDAP, in ganz Deutschland 1.400 Synagogen und Gebetshäuser in Brand. Feuerwehren schauten tatenlos zu. Sie griffen nur ein, um Nachbargebäude zu schützen.

Die Nazis plünderten und zerstörten mehr als 7.000 jüdische Geschäfte und verwüsteten Wohnungen von jüdischen Mitbürgern.

Auch in Göttingen brannte kurz nach 1 Uhr in der Nacht die Synagoge an genau dieser Stelle; als „Vergeltung für den jüdischen Mord in Paris“, wie es in der Göttinger Stadtchronik nachzulesen ist und die regimetreue Presse in Göttingen feierte den Angriff auf die Synagoge überschwänglich: „Wir haben gesehen, dass der gelbe Tempel des rachsüchtigen Judengottes in der Oberen Maschstraße in Flammen aufgegangen ist“, so stand es am 11. November 1938 im Göttinger Tageblatt zu lesen.

Juden wurden öffentlich erniedrigt, gejagt, verhaftet, ermordet.

Niemand kam den Bedrängten und Verfolgten zu Hilfe und dafür, meine Damen und Herren, schämen wir Göttinger uns bis auf den heutigen Tag.

Die Folgen der Pogromnacht

Bereits seit der Machtergreifung durch die Nazis wurden die Juden in Deutschland systematisch gedemütigt. Erst wurde zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen, dann wurden Juden vom Berufsbeamtentum ausgeschlossen und durch die Nürnberger Rassengesetze schikaniert.

Mit der Pogromnacht verschärfte sich die Situation der Juden noch einmal dramatisch.

Die neue Dimension war, dass die Nazis vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein Exempel gegen die Juden als Sündenböcke statuierten. Die Juden waren nun im Status völliger Rechtlosigkeit. Die ersten 30.000 jüdischen Männer wurden in KZs verschleppt. Unmittelbar danach traten mehrere Gesetze in Kraft: Juden durften keine Geschäfte mehr betreiben. Ihre Läden wurden „arisiert“, wie die Nazis die Enteignung der Juden euphemistisch nannten. Es ist ein dunkles Kapitel, dass Göttinger Bürgerinnen und Bürger davon profitierten und sich daran bereicherten.

Juden durften außerdem keine Schulen, Schwimmbäder, Theater mehr besuchen, nicht mehr Auto fahren oder auch nur ein Auto besitzen. Sie mussten die Zwangsvornamen Sara und Israel und einen Stempel im Pass tragen.

in Göttingen konnte die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten schnell Fuß fassen, die Stadt entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer nationalsozialistischen Hochburg.

zur Reichstagswahl 1933, aber auch schon bei Wahlen Jahre zuvor, lagen die NSDAP-Ergebnisse weit über dem landesweiten Durchschnitt (Reich: 43,9 % – Gö: 51,2 %).

Auch in der Universität haben die Nationalsozialisten einen irreparablen Schaden angerichtet.

im Zuge der Gleichschaltung an der Georgia Augusta wurden 45 Dozenten entlassen, darunter herausragende Forscher wie der Physiker und spätere Nobelpreisträger Max Born oder die Mathematikerin und erste habilitierte Wissenschaftlerin Emmy Noether, die bereits 1933 in die USA emigrierte

Ihr Ruf nach Unterstützung blieb ungehört. Stattdessen musste sie erleben, dass sich ihre wissenschaftlichen Kollegen sogar von ihr distanzierten.

Gerhard Leibholz, der große Göttinger Staatsrechtler und spätere Verfassungsrichter, konnte noch rechtzeitig vor der Pogromnacht nach England ins Exil fliehen. Er war von seinem Schwager Hans von Dohnanyi gewarnt worden, dass das Justizministerium an den Gesetzesverschärfungen arbeitete.

Für Millionen Juden gab es keinen Ausweg. Sie wurden in den Jahren nach den November-Pogromen systematisch in KZs ermordet und mit dem Holocaust Opfer eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Vor 1930 zählte die jüdische Gemeinde in Göttingen über 400 Mitglieder; die letzten 140 Göttinger Juden wurden 1942 in zwei Transporten aus den fünf Göttinger Judenhäusern in die Vernichtungslager deportiert.

Heute ist der Tag, an dem wir an diese Menschen denken und das unermessliche Leid, das ihnen zugefügt wurde.

Jüdisches Leben heute

1945 lag Deutschland in Schutt und Asche und es lebte kein einziger Jude mehr in Göttingen.

Deshalb ist es ein großes Glück, dass es heute wieder jüdisches Leben in unserer Stadt gibt. Das ist eine große Bereicherung und ein Geschenk.

Dafür müssen wir dankbar sein, denn das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Überlebenden und ihre Kinder und Enkelkinder tragen das Trauma der Vernichtung über Generationen, das geschehene Unrecht kann niemals rückgängig gemacht werden, die Wunden können niemals verheilen.

Die Synagoge in Bodenfelde überstand die Pogromnacht nur deshalb, weil sie nach Zwangs-Auflösung der jüdischen Gemeinde ab 1937 als Lagerschuppen genutzt worden war

in einer großen Gemeinschaftsaktion wurde sie 2006 in Göttingen wieder aufgebaut und wird heute wieder von der jüdischen Gemeinde genutzt.

Das Mahnmal, vor dem wir heute stehen, verdanken wir der Hartnäckigkeit der Sozialdemokratin Hannah Vogt, die damals auch Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war, und dem ehemaligen Göttinger Oberbürgermeister Artur Levi, der während der Einweihung 1973 erklärte: „Hier wird Unheil verkündet, aber auch Hoffnung verheißen.“

Wenn heute wieder Juden in Deutschland und Göttingen leben, dann ist das eine Verpflichtung. Wir müssen dafür sorgen, dass Juden sich hier sicher fühlen können. Das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich.

Allein im vergangenen Jahr wurden 1.500 antisemitische Straftaten erfasst. Der Angriff auf zwei junge, Kippa-tragende Juden im Frühjahr mitten am Tag auf einem belebten Platz in Berlin ist ein besonders gravierender Vorfall, aber absolut kein Einzelfall.

Erstmals seit den 50er Jahren sitzen wieder Abgeordnete im Deutschen Bundestag, die völkisches Denken propagieren.

Rassismus und Antisemitismus: Das ist die Ausgrenzung und Abwertung von Menschen.

In unserer Demokratie sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich.

Nie wieder dürfen wir zulassen, dass Menschen klassifiziert werden.

Es gibt keine höherwertigen Menschen, es gibt keine minderwertigen Menschen. Alle Menschen sind gleich viel wert.

Wer das nicht akzeptiert, kann kein Demokrat sein.

Deutschland ist ein demokratisches, modernes, weltoffenes Land. Damit es so bleibt, müssen wir unsere freie und offene Gesellschaft verteidigen. Und wir werden sie verteidigen.

Jeder von uns kann etwas dazu beitragen. Jeder muss für Toleranz und Respekt eintreten, überall und wo immer es nötig ist, am Arbeitsplatz, im Bus, im Sportverein, in der Schule, in der Kneipe. Zivilcourage ist Bürgerpflicht.

Der 9. November 1938 ist Mahnung an uns alle: Wachsam sein, gemeinsam für unsere Grundwerte eintreten, damit Deutschland ein menschliches Land bleibt!