SPD - Vertrauen in Deutschland | Thomas Oppermann, MdB

Mein Weg in die Politik

Als ich im Sommer 1976 im zweiten Semester mit großer Begeisterung Literaturwissenschaften in Tübingen studierte, fand ich eines Tages einen Brief von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in meinem Briefkasten. Ich war neugierig.

Thomas Oppermann

Seitdem ich vor der Prüfungskammer die Gewissensprüfung als Kriegsdienstverweigerer bestanden hatte, war ich mit ASF in Verbindung. Ich wollte einen Friedensdienst im Ausland absolvieren, rechnete aber wegen der langen Wartezeiten damit, erst nach meinem Studium zum Zuge zu kommen. Ich hatte das Thema ein bisschen verdrängt. Der Brief enthielt eine überraschende Nachricht: Ein USA-Freiwilliger war abgesprungen, ich erhielt die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch nach Berlin.

Ich zögerte nicht lange und fuhr hin. Das Gespräch verlief positiv und die Vorfreude setzte ein. Ich ließ mich an der Universität beurlauben, hatte noch ein bisschen Zeit, mich von meinen Freunden und meiner Familie zu verabschieden und fuhr im Oktober nach Bückeburg zu einem Vorbereitungsseminar. Die Stimmung dort war unvergleichlich: Rund 20 junge Leute, zumeist Kriegsdienstverweigerer, bereiteten sich auf einen internationalen Friedensdienst in Polen, Israel, Norwegen, Niederlande, Frankreich und USA vor.

Wir steckten voller Idealismus und waren gespannt auf das Neue und Fremde, das uns in den Gastländern erwarten würde. Wir lasen Texte von Bonhoeffer und Marx und diskutierten über Pazifismus und sozialrevolutionäre Veränderungen. Zum amerikanischen Kapitalismus hatte ich ein kritisches Verhältnis, obwohl gleichzeitig dieses Land eine Faszination auf mich ausübte.

Nach drei Wochen brachen wir in unsere Gastländer auf, zusammen mit einer Hand voll Freiwilliger flog ich von Brüssel nach New York. Mit einem klapprigen VW-Bus ging es dann nach Washington D.C., wo wir gemeinsam eine Woche zum Eingewöhnen und Verdauen des Kulturschocks verbrachten. Dann ging es endlich in die Projekte. Ich verbrachte zunächst einige Monate in einem sogenannten Neighbourhood Uniting Project (NUP) als community organizer.

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1977 – Auf dem World Trade Center in New York.

NUP hatte das weitgefasste Ziel, die Lebensqualität in den Wohnquartieren zu verbessern. Wir organisierten Proteste gegen Mieterhöhungen und wurden aktiv, wenn es um die Vertretung örtlicher Interessen ging. Das community organizing beruht auf dem von Saul Alinsky entwickelten Ansatz, durch Graswurzelaktivitäten die Demokratie von unten zu beleben und die Interessen unterprivilegierter Schichten effektiver zu vertreten.

Im Frühjahr 1977 wechselte ich zu den United Farm Workers (UFW). Die UFW war eine junge Gewerkschaft, die unter Leitung von Cesar Chavez vorwiegend hispanoamerikanische Landarbeiter in Kalifornien, später auch in Florida und an der Ostküste, zu organisieren versuchte.

Die Landarbeiter wurden in den Plantagen der Agrarkonzerne hemmungslos ausgebeutet, hatten keine Krankenversicherung und waren zum Teil extrem gefährlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt.

Kinderarbeit war weit verbreitet. Spontane Streiks waren zumeist erfolglos, weil die Plantagenbesitzer gewalttätig dagegen vorgingen und jederzeit in der Lage waren, genügend Streikbrecher anzuheuern.

Ende der 60er Jahre war es mit Unterstützung der Öffentlichkeit und prominenter Amerikaner wie Joan Baez oder Robert Kennedy gelungen, auf das Schicksal der Landarbeiter aufmerksam zu machen. Chavez entwickelte eine gewaltlose Strategie, die aber erst durch Konsumentenboykotts in den Großstädten umfassenden wirtschaftlichen Druck auf die Agrarunternehmen erzeugte und den Landarbeitern die ersten Tarifverträge bescherte.

Als ich im März in New York ankam traf ich dort in einem von einer Kirche zur Verfügung gestellten Haus in Manhattan 20 junge amerikanische Freiwillige im Collegealter, die mit Hilfe eines Pastors und eines erfahrenen Organizers einen neuen Boykott in New York aufbauen sollten.

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1989 – Vor der ersten Landtagswahl.

Das Leben in dieser Wohngemeinschaft war faszinierend. Wir alle bekamen zehn Dollar die Woche sowie Kost und Logis. Nachdem wir uns zwei Wochen lang mit den Problemen der Landarbeiter in Kalifornien intensiv auseinandergesetzt und eine gründliche rhetorische Schulung durchlaufen hatten, teilten wir New York auf. Jeweils zu zweit organisierten wir in den diversen Stadtteilen sogenannte Neighbourhood Support Groups zur Unterstützung der Boykottaktivitäten.

Meine Partnerin Clare und ich waren für Brooklyn Hights zuständig. In dem liberalen Klima dieses Stadtviertels gewannen wir schnell die Unterstützung der Kirchen und nahezu hundert Mitglieder, die die Gewerkschaft nicht nur finanziell sondern auch bei sogenannten picket lines vor Supermärkten unterstützten. Wir schrieben Briefe, organisierten Diskussionsveranstaltungen, und brachten immer wieder Leute in Aktionen.

Die großen US-weiten Boykottaktionen gegen Weintrauben und Gallo Wine lagen zwar schon einige Jahre zurück, wir konnten gleichwohl mit unseren Aktivitäten in den Großstädten immer wieder erfolgreich Druck auf Agrarunternehmen ausüben. Nach wochenlangen picket lines vor dem Quartier des Versicherungsunternehmens Connecticut Mutual Life Insurance, das an einer großen Zitrusplantage in Kalifornien beteiligt war, lenkte das Unternehmen ein und schloss einen Tarifvertrag mit den Landarbeitern ab.

Durch die Arbeit wurde ich mit allen Ecken New Yorks ziemlich gut vertraut. Einladungen führten zu Begegnungen mit ganz verschiedenen Lebenskreisen, viele Kontakte und einige Freundschaften bestehen noch heute. Das Leben in einer bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaft in einem brownstone auf der oberen Westseite war trotz der bescheidenen materiellen Lebensverhältnisse eine glückliche Zeit.

Obwohl ich mit Haut und Haaren in das amerikanische Leben eingetaucht war, verlor ich nie meinen kritischen Blick. Schon deshalb nicht, weil meine amerikanischen Freunde selbst alle ein kritisches Verhältnis zu Amerika hatten. Ich lernte aber auch den Pragmatismus der Amerikaner schätzen. Zwar konnte ich mich nicht mit dem rudimentären US-Sozialstaat anfreunden, weil er die Ausbreitung von Armut nicht verhindert, bewunderte aber die Fähigkeit der Amerikaner zu privater, spontaner Hilfe in der Not.

Die neuen Einflüsse blieben nicht ohne Folgen. Der Friedensdienst hatte in mir einen neuen Berufswunsch geweckt: Obwohl ich immer noch gern las, wollte ich das Studium der Literaturwissenschaften nicht fortsetzen. Ich wollte mich stärker engagieren.

Ich hatte gelernt, dass sich soziale Gerechtigkeit nicht von selbst einstellt, sondern immer das Ergebnis politischer Einmischung ist.

Ich entschied mich nach reiflicher Überlegung für ein Studium der Rechtswissenschaften, nicht zuletzt auch deshalb, weil mich amerikanische Strafverteidiger wie Clarence Darrow oder Supreme-Court-Richter wie Justice William O. Douglas als Vorbilder faszinierten.

Thomas OppermannDas anschließende Jurastudium in Göttingen verfehlte nicht seine Wirkung. Ich engagierte mich in der Hochschulpolitik und bei der Mieterberatung, wurde Verwaltungsrichter und Landtagsabgeordneter und am Ende sogar Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen. Ganz gewiss waren auch die auf meinen Friedensdienst folgenden Lebensabschnitte spannend und fruchtbar. Nichts hat mich indessen so stark geprägt, wie der Dienst als Freiwilliger bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Das Erlebnis, das praktische politische Arbeit die Gesellschaft positiv verändern kann, hatte mich zwar nicht davor geschützt, mich wie die meisten Studierenden in Deutschland jahrelang im Gestrüpp theoretischer und ideologischer Debatten zu verheddern, wohl aber geholfen, dort beizeiten wieder herauszufinden und mich auf die praktisch wirksamen Dinge in unserer Gesellschaft zu konzentrieren.